Blog, Living a good Life

Corona Tagebuch einer Mutter

Plötzlich Lehrerin und noch viel mehr

 

Gerade jetzt. Gerade jetzt brauchen die Kinder ihre Eltern. Denn auch sie bekommen mit was aktuell in der gesamten Welt passiert. Die Kleinen ändern ihren gesamten Alltag, können keine Freunde treffen, gehen nicht in die Schule, müssen aber trotzdem extrem viel von zuhause aus arbeiten, haben keine Sportveranstaltungen, Hobbies, Großeltern die sie treffen können. Merken deutlich das es den Eltern an manchen Tagen nicht gut geht und an anderen irgendwie schon. Kinder brauchen ebenso wie wir Erwachsenen gerade jetzt Zuversicht und Vertrauen. Die Eltern ebenso.  Wie es aber den Eltern gerade geht ist eine ganz andere Sache. Plötzlich Lehrerin, arbeitslos und Assistentin in einem. Der Haushalt ist ebenso zu bewältigen wie die eigenen Gedanken und Ängste. Homeschooling bringt uns an unsere Grenzen an denen wir sowieso schon sind.

Seit mehr als 2 Wochen nun leben wir in Isolation, nutzen Face Time für Gespräche mit der Familie und kämpfen uns durch den Alltag.

Gar nicht zu sprechen davon wie es anderen geht, die aktuell in noch viel schwierigeren Situationen sind. Den Menschen in Hot Spot Corona Ländern, den Menschen in Entwicklungsländern oder Schwellenländern. Denen die gerade kein Dach über dem Kopf haben oder kein sauberes Wasser um sich zu säubern oder zu trinken. Denen die nicht so viele Tests zur Verfügung haben oder denen in denen das Landesoberhaupt die aktuelle Lage verharmlost während auf der anderen Seite der Welt Menschen sterben.

Sprachlos in Schockstarre

Wie es uns ganz persönlich in Zeiten von Corona geht? Lest selbst.

 

#Tag1

Ich habe einen Kloß im Hals, weiß nicht wie ich mit der aktuellen Lage zurecht kommen soll. Nicht weil ich Angst davor habe mich anzustecken. Ich bin eigentlich ein Mensch der nach vorne schaut. Mein Mann ist derjenige der sich zu viele Gedanken macht. Ich nicht. Was mich aber wirklich ängstlich macht ist das was mit der Welt passiert. Menschen sterben, andere tun so als wäre alles ganz normal. Einige hamstern, andere haben zum hamstern nicht einmal die Möglichkeit. In einigen Nationen kaufen die Menschen nun vermehrt Waffen, in anderen Klopapier. Einige machen sich darüber lustig, andere bekommen richtig Angst. Die Welt steht still. Die Köpfe der Menschen nicht.

 

#Tag2

Die Kinder machen vormittags ihre Schulaufgaben. Zumindest das was sie in der von mir vorgegebenen Zeit schaffen. Einiges bleibt liegen. Eigentlich vieles. Wir sind zu viert zuhause und es gibt viel mehr Dreck und Schmutz. Viel weniger Zeit. Heute gibt es bei mir Schockstarre. Den ganzen Tag könnte ich vor den Nachrichten sitzen und meine Gedanken ordnen. Kann ich aber nicht. Keine Zeit. Tränen, zusammenreißen, nachdenken alles in Kürze, ständig will jemand was von mir.

 

#Tag3

Ein guter Tag. Nachrichtenverbot für mich heute. Tut mir gut. Trotzdem keine Zeit und viel zu tun. Nicht mein Job, der liegt brach. Yoga online ist eine Option. Eine gute Option. Machen auch viele. Eigentlich fast alle. Ich frage mich wie ich das auch machen könnte. Wäre es eine Option auch für mich? Nein. Ganz sicher. Kein freies Zimmer welches für Yoga Aufnahmen gut wäre. Keine Ruhe mit 4 Personen zuhause. Klar, wir haben einen Garten, die Kinder könnten in den 90 Minuten der Aufnahme draussen spielen. Aber ich bin mir sicher, sie kommen mindestens einmal pro Aufnahme ins Zimmer gerannt oder spielen ( im Idealfall ), bzw. streiten ( viel wahrscheinlicher) gerade jetzt lautstark direkt vor meiner Zimmertür. Abends gibt es doch Nachrichten. Traurig geht es ins Bett.

 

#Tag4

Wir haben unsere Abläufe gut eingespielt. Der Wecker klingelt später als normal. Eine Wohltat für alle. Die Infektionszahlen steigen und steigen. Ein Schock, denn eigentlich hatte ich immer noch gehofft, das alles irgendwie schnell besser wird. Das Wetter wiederum seit Jahren das erste Mal täglich gut. Die Sonne scheint als würde sie uns zeigen wollen wie gut es tut mal nicht Unmengen an Autos auf den Straßen zu sehen. Es gibt in einigen Ländern und Bezirken noch Menschen die sich in Cafe`s tummeln, in Parks und an öffentlichen Plätzen. Wir haben unseren sozialen Alltag auf Null gefahren. Auf der einen Seite tut es uns sogar gut. Nur wir und am Telefon die Liebsten. Schön wäre es, man könnte sich treffen. In Ruhe und in der Realität. Geht aber nicht. Das Telefon wird viel öfter benutzt als vor Corona. Der Fernseher aber auch. Ein Haufen Wiedersprüche prägen unseren Alltag.

 

#Tag5

Unser Plan: Aufstehen um 8, Spaziergang, Frühstück, Schule und Arbeit (was davon übrig geblieben ist), Haushalt, Mittag, Spaziergang und dann Freizeit. In der ich arbeite und den Haushalt mache ( es gibt viel mehr zu tun als sonst!) und die Kinder rausgehen und spielen. Dann am frühen Abend kuscheln, lesen, fernsehen, Kartenspiele spielen. Zwischendurch Logo schauen, Nachrichten sehen, fassungslos fühlen und schwach. Schwach zu sein als neue Herausforderung gegen einen unsichtbaren Feind. Die große Frage. Hätten wir auch mehr einkaufen sollen? Warum haben in allen Ländern alle Menschen eine Maske und hier nicht? Haben wir genug Toilettenpapier und Desinfektionsmittel? Meine Hände sind ganz trocken vom ganzen waschen, kennen sie gar nicht. Am Abend gibt es Wein und Musikvideos. Das tut gut. Auf den ersten Blick zumindest.

#Tag6

Zeit. Zeit zum Gedanken schweifen zu lassen. Zum Mitfühlen mit dem was gerade passiert. Ich igel mich ein. Am liebsten den ganzen Tag im Bett. Wie mit 20. Nur das ich keinen Kater habe und Trash im TV sehe. Nachrichten. Schock, Unglaube und zwischendurch Hoffnung, Unglaube an der Wahrheit der Situation abwechselnd mit das kann eigentlich gar nicht sein, oder? Traurig über die Menschen die sterben. Dankbar für meine Familie.  Für Yoga und Meditation. Sorgen machen 2.0. Kraft fühlen und Zuversicht. Alles abwechselnd und intensiv. Keine Ahnung wie es wird. Nach Corona. Mein Mann ist besorgt. Alles wird anders werden. Ich bin mir sicher, viele von uns werden danach arbeitslos sein. Gerade als Coach, Yogalehrer, aber auch als viele andere Jobs. Wie wird es weitergehen. Es wird anders, da bin ich sicher. Aufraffen, Sport auf der Terrasse. Tut allen gut.

Corona Tagebuch einer Mutter

#Tag7

Schulaufgaben zuhause ist ein Kampf. Für alle. Am meisten für Mama. Die Kinder sollen selbstständig arbeiten. Am Computer ( in der 3. Klasse, mit drucken und wieder einscannen und abschicken, Fragen beantworten, Mails lesen, Zoom Meetings, virtuelle Klassenzimmer). An und für sich super. Super fortschrittlich, die LehrerInnen müsssen sich auch an diese fordernde Zeit gewöhnen. Als Familie ist es zu viel. Als Mama bin ich plötzlich Motivatorin ( komm, setz dich schnell an das nächste Arbeitsblatt, dann bist du damit durch), Trösterin (ich weiß, es ist total doof das du deine Freunde gerade nicht treffen kannst, aber ich hoffe es klappt schon ganz bald wieder), Assistentin ( schau mal, hier kommt gerade eine E-Mail für  Dich bei mir an, ein Anruf und eine neue Aufgabe, ich druck dir das schnell aus, scanne es ein, lade das Arbeitsblatt hoch…..), nebenbei läuft der Haushalt auf Hochtouren (zu viert so viel Zeit zuhause produziert Unmengen an Staub und Schmutz und zwar in JEDEM Zimmer). Mein Mann arbeitet auch von zuhause, wir müssen ruhig sein. Manchmal gar nicht so einfach. Oder doch eben kurz eine Folge im Fernsehen schauen, dann kann ich eben schnell arbeiten. Ach, basteln wäre netter, nach draussen gehen auch. Ich bin dankbar über ein kleines Stück Garten. Auf dem Hof spielt kein Kind. Auf der Wiese vor dem Haus gleich mehrere gemeinsam. Mama, warum darf ich da nicht mitspielen. Machen die denn Kontakte vermeiden, so wie wir oder müssen das nicht alle tun?

 

#Tag8

Keine Nachrichten für mich! Zu sehr fühle ich mit denen mit denen es gerade nicht so gut geht. Was ist mit den 6000 Flüchtlingskindern in Griechenland und ihren Eltern? Was ist mit den Iranern und den Italienern, den Franzosen und den Spaniern, was mit denen die ihren Job verlieren, mit denen die ununterbrochen arbeiten? Was ist mit denen die um ihre Angehörigen trauern und sich nicht einmal verabschieden können? Was ist mit denen die zur Risikogruppe gehören und Angst haben? Was mit denen die achtlos alle Verzichtsbitten der Behörden ignorieren und so riskieren das andere sich anstecken? Was ist dran an den Gerüchten es wäre übertrieben oder gar untertrieben? Wem kann ich Glaube schenken, wer bringt mir Hoffnung? Und daneben natürlich Schule, Schule, Schule. Corona Virus spaltet die Nation und bringt die gesamte Welt zum Stillstand.

 

#Tag9

Ich hätte doch lieber Lehrerin werden sollen. Dann wäre mein Job sicher und ich könnte ihn auch gut von zuhause machen. Das Wohnzimmer als Arbeitsplatz für die ganze Familie. Zwischendurch ein kleiner Streit, ein großes Gemeckere, Entschuldigungen von allen Seiten und ein wenig frische Luft. Spazierengehen mit Fußball, mit Kuscheltieren, mit Ipod und Kopfhörern, mit Thermoskanne Kakao und Tee und mit Fotoapparat für all die schönen Blumen. Am Abend wird das Teleskop rausgeholt und die ISS beobachtet. Irgendwie gibt es viel mehr Zeit zusammen und viel weniger allein. Ich wäre doch keine gute Lehrerin, zu ungeduldig, zu sehr liebe ich Ruhe und Harmonie. Heute gab es Streit um Kuscheltiere. Das Gute daran, sie werden seit Jahren das erste Mal wieder bewußt wahrgenommen.

#Tag10

Oder doch lieber Haushälterin? Die Spülmaschine läuft ununterbrochen ( zum Glück haben wir eine), die Waschmaschine nicht öfter als sonst. Aber jeden Tag muss gesaugt werden, gewischt und das Bad geputzt werden. Die Kinder sollen die Fussleisten vom Staub befreien. Dafür gibt es dann eine Lieblingsserie im TV. Ich hab ein schlechtes Gewissen das sie am Fernseher sitzen. Daher basteln wir dann zusammen. Gut, das ich keine Kurse habe. Würde ich von der Zeit her gar nicht schaffen. Schlecht für die Finanzen. Aber gut für die Familie. Wie es anderen wohl geht.

#Tag11

Nicht zum ersten Mal Tränen. Die Kinder vermissen ihre Freunde, die Große macht sich Sorgen um die Großeltern. Ob sie sich auch an Absprachen halten? Ich hoffe schon. Mama weint um die Welt und um eigentlich alles. Muss mal raus. Also wieder Spaziergang, frische Luft, Sonne und Zuversicht. Gefühle dürfen hin und herspringen. Alles darf raus. Schränke ausmisten, die Kammer aufräumen. Fühlt sich gut an und nicht zum ersten Mal diese Woche muss Mutti auf ihr geliebtes Rudergerät. Kraft sammeln. Rückgrat stärken und Durchhaltevermögen aufbauen. Wir schaffen das. Am Nachmittag wird das Zelt rausgeholt. Zelten im Garten mit Antolin und Sally. Schule 2.0 auf unsere eigene Art. Tut gut und zwischendurch wird gelacht, Fußball gespielt und Musik gehört.

#Tag12

Täglicher Wechsel zwischen Mut und Kraft, Zuversicht und Hoffnung und dann eben auch Sorgen und Traurigkeit. Mitgefühl und Einsamkeit. Zuviel Gemeinsamkeit. Mama braucht Zeit für sich. Die Kinder eigentlich auch. Papa sowieso. In anderen Ländern werden Menschen in Massen abtransportiert. Die Angst bleibt. Viele Menschen haben Angst um ihre Arbeitsplätze, große Firmen stehen vor der Insolvenz, kleine haben schon lange pleite gemacht. Der Staat verspricht Förderprogramme und Zuschüsse. Ich bekomme am Telefon keine Auskunft. Erreiche niemanden. Eine Freundin sagt, sie meldet ALG2 an. Eine Option? Die Kosten laufen weiter. Wir werden sehen. Wir schaffen das!

 

Was soll ich sagen, ihr Lieben. Es wechselt. Das Leben läuft in Wellen ab, an manchen Tagen haben wir Zuversicht, Kraft und Hoffnung. An anderen dürfen wir uns Sorgen machen und unsere Ängste wahrnehmen. Ich bin mir sicher, es geht uns allen so. Ich bin mir aber auch sicher, gemeinsam ist so eine schwere Zeit ein Stück weit einfacher. Was meinst Du?

Deine Sunita

 

 

 

 

You may also like

2 Comments

  • elke

    Hallo Sunita,
    wir haben keine Kinder. Trotzdem ist vieles komisch. Da wir ein großes Grundstück haben und mit groß meine ich. 1000qm Garten und dort im Januar 7 Zypressen weggemacht wurden. Haben wir demensprechend zu tun. Ich bin noch normal im Büro, der Rest meiner Kollegen ist im Homeoffice. Erst Anfang März bin ich von meiner Reha von Usedom wegen meiner kaputten HWS wiedergekommen und mir fehlt mein Rehasport. Selbstverständlich mache ich diverse Übungen zuhause. Aber es ist nicht so, als wenn meine Trainerin dabei ist. Meine Panikattaken sind wiedergekommen und einen Termin bei einem Psychologen zu bekommen ist im Moment äussert schwer. Ich war nie die jenige die immer in der Stadt bummelt. Aber mir fehlen schon die kleinen Geschäfte im Ort, wo man mal etwas stöbern konnte. Was mir am meisten Angst macht, ist die Situation in der Arbeit und die kommende Kurzarbeit, wegen dem Finanziellen. Weil wir ja gebaut haben.
    Ansonten macht Corona mir keine Angst. Was ich viel schlimmer ist, das manche Menschen sich nicht an das halten was unsere Regierung vorgibt und es sich trotzdem getroffen wird und gemeinsam gegrillt wird.

    Liebe Grüße
    Elke von elkeworks.de

    März 31, 2020 at 5:33 am Reply
    • SunitaEhlers

      Oh ja, liebe Elke, ich kann dich gut verstehen. Gerade Panikattacken sind fürchterlich. Wenn man dann keinen Psychologen erreichen kann umso schlimmer. Und letztendlich hast Du so recht. Wir sitzen alle in einem Boot, nur ein Teil der Bevölkerung hat es irgendwie noch nicht so recht verstanden. Ich drücke Dich herzlich und bleibt gesund. Sunita

      März 31, 2020 at 8:02 am Reply

    Leave a Reply